

ISBN Originalausgabe: 3-485-00793-5
ISBN Taschenbuch: 3-404-14393-0
ISBN Sonderausgabe: 3-485-00793-5
Köln, kurz vor der Zeitenwende, ist ein gefährliches Pflaster. Unheimliche Geißler ziehen durch das Land, und selbsternannte Propheten verkünden das Ende der Welt. Die Stimmung ist explosiv, denn der Streit zwischen Kaiser und Papst um die Vorherrschaft über die Christenheit nimmt bedrohliche Formen an. Für die einen ist der Kaiser der Antichrist, die anderen nennen ihn "das Staunen der Welt".
Doch Kaiser und Papst sind nicht die einzigen, die ihre Ziele mit allen Mitteln verfolgen: Kardinal Giovanni da Uzzano will eine alte Schuld einlösen; der Sänger Minstrel will seine Seele zurückholen; der Ritter Radolf Vacillarius will die Gespenster der Vergangenheit loswerden; seine Tochter Dionisia will ihre große Liebe für sich gewinnen; Aude Cantat will ihren verschwundenen Mann wiederfinden. Im Zentrum all dieser Wünsche steht der junge Philipp, ehemaliger Novize und Klosterschreiber, der aus Versehen auf eine atemberaubende Fälschung stößt. Eigentlich sollte er bloß für einen heruntergekommenen Kreuzritter eine Dokumentenfälschung vornehmen. Doch was als simple Manipulation scheinbar unbedeutender Daten beginnt, entpuppt sich als Teil einer ungeheuerlichen Intrige, die nicht nur Philipps Leben, sondern den Lauf der Geschichte selbst aus der Bahn zu werfen droht...
DER JAHRTAUSENDKAISER ist ein historischer Kriminalroman, der den Leser nicht mehr aus seinen Fängen lässt, und zugleich eine faszinierende, aber auch erschreckende Vision von der Macht der Geschichtsschreibung.

Im August 2000 bringt der Lübbe-Verlag den JAHRTAUSENDKAISER als Taschenbuch heraus. Es übertrifft mit einer Gesamtverkaufszahl (Stand Ende 2001) von über 50.000 sogar noch den TUCHHÄNDLER und erscheint bis jetzt in 5 Auflagen.
Nach anfänglich zögerndem Marketing bei der Originalausgabe entschließt sich der nymphenburger Verlag im August 2001 auch beim JAHRTAUSENDKAISER zu einer Sonderausgabe - und erzielt damit prompt bis November 2001 auch noch mal 3 Auflagen.

Zu meiner mehr als großen Freude ist der JAHRTAUSENDKAISER das erste meiner Bücher, das ins Ausland übersetzt wird. Der lettische Verlag Alberts XII interessiert sich für die Rechte und bringt im Jahr 2000 schließlich den TUKSTOSGADES KEIZARS heraus. Ich werde auch im Ausland gelesen!! Das Cover ist nicht unbedingt historisch korrekt (der Herr mit Bart im Hintergrund ist eigentlich ein idealisiertes Portrait von Karl dem Großen), aber das macht nichts. Das Cover der Originalausgabe ist es im Übrigen auch nicht - das Bild, wenngleich schön, stammt aus dem Stundenbuch des Duc du Berry aus dem vierzehnten Jahrhundert.
... und weils so schön ist: die Besetzungsliste des JAHRTAUSENDKAISERS aus lettischer Sicht.
Im JAHRTAUSENDKAISER geht es unter anderem um das Ansehen des Kaisers im MIttelalter; der Mann, der diese Würde trug, genoss eine Verehrung, die ihn eigentlich der fassbaren Welt entrückte und ihn als Gestalt begreifen ließ, die weit jenseits der menschlichen Grenzen lag. Selbst der Papst geniesst heute in der katholischen Welt vergleichsweise weniger Ansehen, als es damals der Kaiser tat. Begreiflicherweise war der Hass gegen den Kaiser, wurde er entsprechend geschürt, ebenso überirdisch groß wie die Ehrerbietung - ein Grund, warum sich das hohe Ansehen eines Friedrich Barbarossa ebenso in unsere Zeit herübergerettet hat wie die gewaltige Ambivalenz hinsichtlich seines Enkels, Friedrich II, dem "stupor mundi". Der Hass vor allem der schriftbegabten Klasse (i.e. des Klerus) gegen Friedrich II war so groß, dass selbst Jahrhunderte nach seinem Tod die Federn nicht ruhten, um seinen Ruf zu schädigen. Schon mal was vom Kaiser Barbarossa gehört, der eigentlich nicht tot ist, sondern der Volkssage nach im Kyffhäuser schläft und darauf wartet, dass ihn das Deutsche Reich wieder benötigt? Dem in der Zwischenzeit sein Bart durch die Platte des eichenen Tischs gewachsen ist, auf dem seine Faust ruht? Dieser Mann war eigentilch nicht Friedrich Barbarossa, sondern Friedrich II. Ihm traute das Volk zu, die Christenheit aus der Not zu retten, nicht seinem im realen Leben eher mittelalterlich-durchschnittlichen Großvater. Doch nicht einmal diesen Ehrenplatz hat man dem fortschrittlichsten und aufgeklärtesten Kaiser der ganzen deutschen Geschichte gegönnt.

Da es nun einmal um die Kaiserwürde geht, wollte ich die Geschichte konsequenterweise auch in Aachen spielen lassen, der alten deutschen Kaiserstadt. Doch die Reaktion der Stadtverwaltung und des Archivs auf meine ersten telefonischen Anfragen war so negativ, dass ich kurzerhand beschloß, meinen Roman anderswo anzusiedeln. Köln als damals größte deutsche Stadt bot sich als nächstes an. Ich sollte meine Wahl nicht bereuen. Die Hilfsbereitschaft und Auskunftsfreudigkeit des dortigen Stadtarchivs war phänomenal. Ich habe manche Örtlichkeit in diesem Buch bewußt vage gelassen, um dem Leser ein Gefühl der Orientierungslosigkeit zu geben (eines, das ganz ähnlich Philipp befällt, je weiter er sich die Handlung des Romans verstrickt); doch selbst diese ungenau gehaltenen Beschreibungen wären nicht möglich gewesen ohne die vorbehaltlose Mitarbeit des Kölner Stadtarchivs. Dafür an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank!

Das Buch wurde kontoverser aufgenommen als der TUCHHÄNDLER und ist bis heute dasjenige, bei dem sich die Geister am deutlichsten scheiden. Es scheint, der JAHRTAUSENDKAISER hat nur Freunde oder Feinde. Ich habe kaum jemanden getroffen, der als Kritik dazu "so lala" abgab; es wurde und wird entweder heiß geliebt oder verabscheut. Als Schriftsteller ist man stets bemüht, mit seinen Geschichten etwas im Inneren der Leser zu erreichen - auf seine Knöpfe zu drücken, wenn man so will, und ihn zum Lachen oder Weinen oder Nachdenken bringen oder dazu, dass er ganz simpel für ein paar Stunden die Welt vergißt. Beim JAHRTAUSENDKAISER scheint mir dies auf eine ganz dramatische Weise gelungen zu sein.
Es sollte noch angemerkt werden, dass die Idee zu diesem Buch aus einem Streiflicht der Süddeutschen Zeitung geboren wurde. Darin wurde eine damals neue Theorie eines Zirkels von Historikern vorgestellt, die der Ansicht sind, dass unsere geschichtliche Uhr um ca. 300 Jahre falsch geht - falsch gestellt worden ist, sollte ich wohl sagen. Ich habe diese Theorie benützt, um einen Kriminalroman zu schreiben; "Dies ist ein Werk der Fiktion", habe ich im Nachwort zum TUCHHÄNDLER geschrieben, doch auf den JAHRTAUSENDKAISER trifft das noch viel mehr zu. Ich persönlich weiß nicht recht, was ich von dieser Theorie halten soll. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich die Bücher von Dr. Heribert Illig und, etwas populärwissenschaftlicher ausgeführt, von Uwe Topper. Möge sich jeder selbst sein Urteil bilden. Ich freue mich aber, dass Dr. Heribert Illig mir mit seiner ausdrücklichen Zustimmung erlaubte, seine These für ein belletristisches Werk auszuschlachten.

Leseprobe
Der Markt hatte die Ankunft der Bauern, die üblicherweise im frühen Morgengrauen vor den Toren der Stadt standen, den Arbeitsbeginn der Handwerker nur wenig später und den in der Regel ganz zuletzt erfolgenden Aufbau der Stände der Fernkaufleute bereits überstanden und befand sich auf dem Höhepunkt seiner Hektik, als Philipp mit den beiden Knechten in Köln eintraf. Der typische Geruch des Marktes hing bereits über der Menge: die Ausdünstungen der Zugochsen, der schwere Erdgeruch der Rüben, an denen noch der Boden haftete, die Exkremente, die Tier und Mensch gleichermaßen fallen ließen (die einen mehr, die anderen weniger öffentlich), der Staub, den die Füße der Marktbewohner aufwirbelten. Mit dem Geruch stiegen auch die Stimmen der Feilschenden auf, die sich um den Preis der Waren stritten, untermalt vom Brüllen der Zugochsen und begleitet vom monotonen Piepen der Küken, die eng zusammengedrängt in Holzkisten durcheinanderwimmelten. Die Marktschreier, die entweder für ihre eigenen Waren oder die Leistungen anderer warben und sich gegenseitig mit anzüglichen Späßen zu überbieten suchten, schrien sich die Kehlen wund, während sich Bettelmönche mit demütiger Beharrlichkeit durch die Menge schoben und leise Dankgebete murmelten für die Gaben, die sie erhielten. Mit ebensolcher Beharrlichkeit schoben sich auch Beutelschneider durch die Menge; was ihnen in die Hände fiel, wurde nicht von Danksagungen begleitet. Die Handwerker, die entweder innerhalb ihrer Häuser oder einfach an einer Hausecke auf dem Boden ihrer Arbeit nachgingen, hatten ebenfalls ihre Mittel und Wege, auf sich aufmerksam zu machen. Die Schuhmacher klopften Lederflecken auf ihren kleinen Ambossen flach, die Schnurmacher und Seildreher ließen die zu dünnen Zöpfen geflochtenen Schnurpeitschen knallen, die Steinmetze hämmerten auf ihr Rohmaterial ein, die Töpfer befestigten Schnarren an ihren Töpferscheiben. Die Korbflechter, in Ermangelung eines Werkstücks, mit dem sich genügend Krach erzeugen ließ, sangen. Die Schmiede - es waren wenige, die sich innerhalb peinlich gefügter Grenzen die Stadtviertel untereinander aufteilten - hatten es nicht nötig, sich den Blicken des Volkes darzustellen; der Schmied konnte es sich leisten, stolz im Halbdunkel seiner feuerflackernden Höhle auf seine Kundschaft zu warten. Das feste Wissen jedes Kunden, daß jeder zweite Schmied mit dem Teufel im Bund war und die damit verbundene Ehrfurcht rechtfertigte diese herablassende Zurückgezogenheit - das und die Tatsache, daß das Klingen seiner Hämmer auch über die Distanz hinweg mühelos allen Lärm übertönte, den die minderen Handwerker veranstalten konnten. Am leichtesten von allen hatten es die Bader und Doktoren, denn den Krach, der die Aufmerksamkeit auf sie lenken sollte, verursachten ihre Kunden selbst, wenn sie an den Haken hingen, die eine sehnige Hand in ihren faulen Zahn getrieben hatte. Dazwischen konnte man vom Wasser her das Geklopfe der Wassermühlen vernehmen, die zu Dutzenden im Rhein schwammen, das Pochen der Eisenhämmer und das laute Knarren der Mahlwerke. Verhältnismäßig schweigsam inmitten all dieses Tuns waren nur die Fernkaufleute, die an den Seiten von Altem Markt und Heumarkt, unter steinernen Arkaden oder unter großen Zeltdächern, ihre Waren aufgebaut hatten: Salz und Gewürze, getrocknete und eingelegte Fische, Zucker, Zimt und Safran, Töpfereien, Schnitzereien, Webprodukte, Seidenstoffe, Eschenholz und Damaszener Stahl. Sie schienen sich für ihresgleichen mehr zu interessieren als für die Bürger, die vor ihren Waren standen und mit bedenklichen Gesichtsausdrücken ihre Geldbeutel in der Hand wogen. Doch auf geheimnisvolle Weise schienen die auf dem Markt versammelten Menschen der dunklen Wolken gewahr zu werden, die die Propheten am Horizont aufsteigen sahen. Inmitten des Lärms und des Treibens gab es Augenblicke der Beklommenheit, als würden alle gleichzeitig einhalten und auf das befangene Schlagen ihrer Herzen hören. Selbstverständlich entstanden diese Pausen nicht wirklich; aber jeder, der mit demselben Gefühl der Bedrückung ob des ungewissen Ausgangs des Kampfes zwischen Kaiser und Papst Teil der Menge war, hatte das Gefühl, sie wahrzunehmen. Dies galt für die Anbieter wie für die Kunden, die die Produkte prüften, wogen, berochen, bedrückten und endlich kauften oder liegenließen, und es galt für die Büttel, die um den Markt herumschlichen und auf eine Gelegenheit hofften, ihre schweren Spieße auf hitzige Köpfe herabfallen zu lassen. Es gab mehr Streit als gewöhnlich, mehr wütende Flüche als gewöhnlich, mehr Käufe, die rückgängig gemacht statt getätigt wurden. Die weiter Herumgekommenen in der Menge erkannten, daß diese schwebende, lastende Stimmung nicht allein auf Köln beschränkt war, sondern sich überall im Reich breitzumachen schien. Die Christenheit wartete, daß endlich eine Entscheidung fiele; und die wenigen, die Muße genug hatten, sich darum zu kümmern, welches Jahr man wohl schrieb, beteten zu Gott, er möge ihnen zum Anbruch seines neuen Zeitalters ein Zeichen senden, wem sie zu folgen hatten.
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