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Ich beschwöre euch, Unholde und Dämonen, wer ihr auch sein mögt, ob Tag- oder Nachtgestalten, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, dass du Schaden tust und Übel diesem Diener Gottes....

Mittelalterliche Beschwörungsformel










ISBN: 3-431-03005-x

Bestseller-Platzierung vom 05.08.2005: Platz 44!

Pustet-Bestenliste 20.08.2005: Platz 3!


Neu: Taschenbuchausgabe bei Bastei-Lübbe im Juli 2005 erschienen!                             ISBN 3-404-15354-5

Neu: Die tschechische Ausgabe vom SPIEL DES ALCHIMISTEN, erschienen bei Bastei Moba.





Das große Zeitalter der Fugger steht erst bevor; noch ist die Familie lediglich eine von dreien, die sich Einfluß und Vermögen in der freien Reichsstadt Augsburg teilen, noch klingen die Namen Welser und Hoechstetter bedeutend lauter auf den Handelsstraßen und in den Kontoren, noch ist das Mittelalter im Deutschen Reich nicht ganz zu Ende und die Zeit der Renaissance nicht vollständig angebrochen. Von den rationalen und vernunftgeprägten Republiken südlich der Alpen zurück in die finsteren Gassen deutscher Städte, durch die Angst und Aberglaube schneller kriechen als die zähen Abwasser in der Kotrinne, führt das Geschick Peter Bernward dieses Mal.
Der Kaiser, Herr des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, gibt sein Geld für die dubiosen Machenschaften von Alchimisten aus, die seinen Herrschaftssitz in Graz bevölkern. In ihren Händen, aber auch in denen ihrer abertausend von Zunftgenossen in den Studierstuben leichtgläubiger Herzöge, geldgieriger Kaufleute oder verblendeter Klostervorsteher, haben sich die edlen alten Künste der Astrologie und Heilkunst in schwarze Scharlatanerien verwandelt. Die meisten von ihnen leben gut vom Fett des dummen Volkes, doch hier wie in vielen anderen Fällen ist das Schaf nicht unschuldig daran, dass es geschoren wird: man hält sich für weltgewandt und vernünftig, für skeptisch und aufgeklärt und ist doch ohne Zögern bereit, die aberwitzigsten Talismane zu erwerben, den lächerlichsten Beschwörungsformeln zu glauben oder Unsummen für Fürbitten auszugeben, weil man von einem Missgebildeten den bösen Blick empfangen zu haben glaubt.
In weiteren hundert Jahren werden sich die Verhältnisse umgekehrt haben und die Angst auf seiten derer herrschen, die heute mit einem kalten Lächeln und ein paar Taschenspielertricks abergläubische Furcht verbreiten; dann werden die Feuer der Hexenverbrennungen durch halb Europa lodern und die unbewusste Rachsucht die früheren Schafe vor Mordlust laut blöken lassen - und die Opfer werden diesmal wirklich unschuldig sein.







Doch diese Zeit des ausgeklügelten Massenmords steht uns noch bevor. Kehren wir zurück in die Zeit, die die Geschichte zu erzählen versucht, die Epoche vor Martin Luther, vor Johannes Kepler. Es ist die Epoche beinahe unbegrenzt mächtiger Kaufherren, die große Vermögen in einem Würfelspiel verlieren und noch größere Vermögen bei den Hochzeitsfeiern ihrer Kinder ausgeben; die glauben, mit den Methoden skrupelloser Feudalherrscher mit dem Leben ihrer unmittelbaren Mitmenschen ebenso spielen zu können wie mit dem Geschick ganzer Republiken; und die vor Angst schlotternd nicht weniger horrende Unsummen ausgeben, um Messen lesen zu lassen, weil ihr Glaube an Gott sich in der Fabelwelt übelwollender Dämonenscharen erschöpft und ihre Glaube an sich selbst da endet, wo ihr Geld keine Macht mehr hat.











Leseprobe

Der gedrungene Perlachturm über der Westfassade von Sankt Peter warf seinen Morgenschatten über den Platz und über die Verkaufsläden, die sich unter die Vordächer an seinem Fuß duckten. Es war Donnerstag, kein besonders ausgewiesener Markttag, und so war der Perlachplatz, der im breiteren Schatten der Dreiergiebel des Rathauses und seinem schlanken Glockenturm lag, nicht von den Handkarren der Bauern zugestellt. Vom Fischmarkt, ebenfalls kühl und blau im Schatten zwischen Sankt Peter und dem Rathaus, wehten die stets präsenten Fischdüfte herüber; auf dem Pflaster blinkten Fischschuppen. Der dünne Finger des Afraturms über den Gebäuden an der Westseite des Brotmarktes stand im vollen Morgenlicht, das Tanzhaus weiter unten zwischen Holz- und Weinmarkt wandte seine Fassade nach Norden und stand im Halbschatten. Auf dem Brotmarkt, der am Südende des Perlachplatzes begann und bis vor die Flanke des Weberhauses führte, standen einige der zweirädrigen Transport- und Verkaufswagen der hiesigen Bäcker, ihre Dächer aufgespannt und auf dem Pflaster stehend wie eine schüttere Kolonie von Muscheln mit aufgeklappten Schalen, die darauf warteten, dass die Käufer herbeigestrudelt würden. Wenn der Rat seit meinem Weggang keine neue Marktordnung erlassen hatte, dann durften die einheimischen Bäcker heute auf dem Brotmarkt ihr altbackenes Brot verkaufen, während den Bäckern aus der Umgebung der Platz vor dem Barfüßertor zugewiesen war. Zwischen den Karren drängelte sich vor allem das ärmere Volk, schimpfte und handelte, wie es Brauch war, rief und lachte, kaufte und bettelte. Ich drehte mich einmal um mich selbst, blinzelte in die Sonne, die über den Giebeln des Rathauses stand, und spähte in die Tordurchgänge der Patrizierhäuser. Ich war wieder zu Hause.
Dann merkte ich, dass etwas nicht stimmte.
Vielleicht war es die Sonne, die zu grell schien; oder zu trüb. Vielleicht waren es die Hausfrauen und Mägde, die zwischen den Ständen der Bäcker umhergingen und weniger auf die ausgelegten Waren als auf einander zu achten schienen und sich aus dem Augenwinkel musterten, anstatt sich zu grüßen. Vielleicht waren es die Bäcker selbst, die mit weniger Vehemenz als sonst feilschten und sich während der Verkaufsgespräche manchmal plötzlich umdrehten, als fühlten sie, wie ihnen jemand kalt über die Schulter grinste. Vor dem Eingang zum Rathaus standen Waibel, aber es schienen mehr als sonst zu sein, und statt den jungen Mädchen Komplimente nachzurufen, fingerten sie nervös an ihren Spießen; wenn sie doch einmal einer Hübschen nachriefen, klang es eher aggressiv und beleidigend. Die Bettler lamentierten lauter als sonst, während ein kleines Grüpplein Aussätziger, in ihren schmutzigen Lumpen wie verhüllte, grässlich lebensechte Puppen über den Fischmarkt wankend, stiller war als üblich. Hinter dem Tanzhaus, vom Weinmarkt her, erhoben sich trunken streitende Stimmen, für deren Krakeelen es noch viel zu früh am Tag war. Um den oberen Teil des Perlachturms kreisten schwarze Schwingen, Raben, deren metallisches Flattern plump gegen das elegante Gleiten der Turmfalken wirkte, die früher um den Turm herumgeglitten und die von den Raben offenbar vertrieben worden waren.
Als sich eine Abteilung Stadtwachen von Sankt Moritz her durch den Brotmarkt drängte, wichen die Leute eher zurück, als wie ansonsten üblich neugierig näher zu rücken. Die Wachen zerrten eine Frau mit aufgelösten Haaren, angstbleichem Gesicht und unordentlichen Kleidern mit sich, deren Hände vor dem Leib gefesselt waren und deren bloße Füße kraftlos vor Furcht über das Pflaster schleiften. Einige der Zuschauer zischten, aber ihre Lautäußerungen schienen ebenso kraftlos zu sein wie das Stolpern der Verhafteten. Sie bildeten eine Gasse für die Wachen, die eigentlich zu weit war, als würden die Männer einen tollwütigen Hund mit sich schleifen, der sich jederzeit losreißen konnte. Plötzlich erhob sich eine Hand mit abgespreiztem Zeige- und kleinem Finger und stach in die Richtung der Frau, und andere Hände folgten und machten das Zeichen nach, während sich da und dort Gesichter abwandten und rasch vor die Augen geschlagene Handflächen einen weiteren Schutz vor dem bösen Blick boten.
Die Verhaftete starrte mit geweiteten Augen ins Leere und taumelte dem Zug des Lederriemens nach, der sich von ihren gefesselten Händen zur Faust des Wachführers zog; und auch der Lederriemen schien länger zu sein als nötig und der Kordon um sie herum weniger als eng als gewöhnlich. Sie atmete rasch und flach; als die Gruppe an mir vorüberkam, sah ich, dass ihre Lider zuckten und hörte ihr unwillkürliches, unbewusstes Stöhnen, das ein Stöhnen des haltlosen Terrors war. Ich wusste nicht, was sie getan hatte, aber das Volk reagierte, als würden die Waibel ein giftspritzendes Monstrum durch ihre Mitte schleifen. Hastige Finger schlugen das Kreuzzeichen. Die Wachen verschwanden mit ihrem Opfer im Rathaus. Das Leben auf dem Brotmarkt und auf dem Perlachplatz versuchte wieder zum Normalzustand zurückzukehren und vermochte es nicht, die Stimmen noch gedämpfter als vorhin. Wenn sich etwas geändert hatte, dann nur, dass jetzt Grüppchen zusammenstanden, wo man sich zuvor beinahe misstrauisch beäugt hatte, und verkniffene Münder flüsternd darüber referierten, wovon man gerade Augenzeuge geworden war. Ich sah weitere Kreuzzeichen, die mit fliegenden Händen auf Stirnen, Kinne und Oberkörper gemalt wurden. Meine Gedanken wanderten zu Jana; ich fühlte eine vage Erleichterung darüber, dass sie meinem Drängen nicht nachgegeben hatte, mit mir zusammen diesen Abstecher nach Augsburg zu unternehmen.
"Er geht um", flüsterte mir eine Stimme ins Ohr, und ich fuhr herum. Ein blasser, ältlicher Mann sah mich mit flackernden Augen an, die Wangen eingekerbt, das Kinn schlecht rasiert, und während er einen Schritt zurückglitt wie eine bedrohte Ratte, huschte ein falsches Lächeln auf seine Lippen, ebenso rattenhaft. "Er geht um, und man hört ihn gehen. Aber es sind nicht seine Schritte, die man hört, nein, es ist das Schlagen seiner schwarzen Flügel, und wenn sie zusammentreffen, verlischt ein Leben wie ein Docht, den man zwischen den Fingern zerdrückt." Er lachte raschelnd, als versuche er das Geräusch zweier zusammenschlagender Flügel nachzuahmen. Ich starrte ihn mit trockenem Mund an.
"Hüten Sie sich, denn er ist unter uns", sagte der Mann. "Der Würgeengel, Herr, denn niemand anderer ist es. Sein Haar ist schwarz, sein Gesicht ist weiß, seine Augen brennen, sein Gewand hat die Farbe der Mitternacht, und seine Flügel sind wie die eines Raben. Er wandelt unter uns, und die auf seiner Liste stehen, holt er sich. Der Tod ist nur ein matter Flügelschlag", er klatschte mit den Händen, und ich zuckte unwillkürlich zusammen, "Talisman?"


Bildnachweis: Richard Dübell (1), Christian Stehbeck (1)

 
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