

Aquitanien, Sommer 1183: Die Lieder der Troubadoure und Vaganten sind verklungen in Aquitanien, Königin Aliénors Liebeshof steht leer, im herrlichen Schloss in Poitiers residiert ein Kastellan des englischen Königs. Die Turnierplätze sind verwaist, aus den sportlichen Wettkämpfen ist Ernst und aus Turniergegnern sind Feinde geworden. Der poitevinische Hochadel ist von seinem Besitz vertrieben oder zu König Henri Plantagenet von England in die Normandie übergelaufen, die kleinen Barone und Gutsherren streiten sich wie Hunde um die Knochen. Henris und Aliénors Söhne, Henri der Junge König, Richard von Aquitanien und Geoffroy von Bretagne, lecken ihre Wunden aus dem fehlgeschlagenen Aufstand gegen den Vater, während ihr jüngster Bruder, Jean Sansterre, gegen alle gleichzeitig intrigiert. Aliénor selbst, der goldene Adler, die Herzogin von Aquitanien, Königin von England und ehemalige Königin von Frankreich, ist seit neun Jahren die Gefangene ihres Ehemannes Henri Plantagenet und steht in der Burg Old Sarum in Salisbury unter strengster Beobachtung. Wer von den Sängern, Dichtern, Poeten und Liebeskranken an Aliénors ehemaligem Hof noch nicht nach Spanien, Flandern oder in die Champagne geflohen ist, geht ins Kloster oder wartet darauf, mittellos im Strassengraben zu verhungern. Und in Aquitanien fällt mit zermürbender Eintönigkeit der Regen ...
Raymond le Railleur, als Vagant und Liebhaber spöttischer Versduelle bekannt, hat die Zeichen der Zeit zu spät erkannt. Statt in die neuen Zentren der höfischen Lebensart im Süden und Osten zu flüchten, ist er in Aquitanien geblieben. Wegen Inkompetenz und Frechheit von seinem letzten Gönner, dem Vizegrafen von Chatellerault, verjagt, bleibt Raymond nur noch eine Chance: Jean Bellesmains, der mächtige Bischof von Poitiers. Doch der Bischof hat selbst Probleme: sein Assistent, ein aufstrebender Mönch namens Firmin, ist seit zwei Wochen verschwunden; sollte ruchbar werden, dass er vielleicht den Versuchungen der sündigen Welt erlegen ist, ist seine hoffnungsvolle Karriere dahin und Bischof Bellesmains blamiert. Raymond willigt widerstrebend ein, die Spur des jungen Mannes aufzunehmen und ihn nach Poitiers zurückzubringen.
Beinahe gleichzeitig erhält Raymond ein Angebot von Robert Ambitien, einem ehrgeizigen Ritter, für ihn ein Fest einzurichten. Auf Roberts Burg trifft Raymond die Frau seines neuen Herrn, Suzanne. Plötzlich bekommt der Auftrag, den er angenommen hat, um sich auf der Suche nach Firmin freier bewegen zu können, eine persönliche Note. Suzanne ist selbständig, entschlossen, schön, bezaubernd – und ihr Mann scheint nichts als Abscheu für sie zu empfinden.

Hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität gegenüber Robert und seiner leidenschaftlich erwachenden Liebe für Suzanne, versucht Raymond, beiden Aufträgen gerecht zu werden: der Organisation des Festes und der Suche nach Firmin. Beide führen ihn immer wieder an dieselben Orte: im Aquitanien unter der Tyrannei Henri Plantagenets scheinen alle Dinge unheilvoll miteinander verknüpft zu sein.
Während die unterdrückten Poiteviner auf den Jungen König Henri hoffen, der an der Dordogne seine Kräfte sammelt, um sich erneut zusammen mit seinen Brüdern gegen den despotischen Vater aufzulehnen und die Mutter aus der Gefangenschaft zu befreien, gerät Raymond in eine Geschichte hinein, die begonnen hat, als die Liebe zwischen König Henri und Königin Aliénor von England endgültig endete und die überschäumende Leidenschaft des Königs seinen besten Freund Thomas Becket zu seinem Feind machte. Auch die Geschehnisse, die Raymond enthüllt, haben mit Liebe und überschäumender Leidenschaft zu tun, und wie zwischen Henri, Aliénor und Becket führen auch sie zu vertanen Gelegenheiten, verpfuschten Leben und mörderischem Hass.

Die Sünde liegt nicht in der Tat, sondern in der Absicht. Um eine wirkliche Sünde zu begehen, muß der Täter sein eigenes Moralgewissen verletzen; nicht nur das der anderen.
Pierre Abaelard
Leseprobe
Die Torwachen an der Ponte Joubert ließen Raymond warten, obwohl sie nichts zu tun hatten; immerhin hatten sie sich herabgelassen, ihm Auskunft zu geben, dass der Bischof zur Zeit in der Stadt war, bevor sie ihn fürs Erste vor dem halbgeöffneten Tor stehen ließen. Raymond hatte Zeit, die öden Häuser der Pfahlbürger zu betrachten, die sich am hiesigen Ufer des Clain hinzogen. Eine kleine Gruppe Kinder in schmutzigen Hemden starrte ihn an, schmutzige Finger in ebenso schmutzigen Nasen, die Knie unter den kurzen Hemden blau vor Kälte, wo sie nicht von einer schützenden Schmutzschicht überzogen waren. Raymond dachte an Carotte und an ihre Bemerkungen bezüglich anderer Methoden der Empfängnisverhütung und sah sich plötzlich als Vater dieser Kinder, der hoffnungslos auf die nächste Hilfsarbeit wartete, während ihm und seiner Familie der Magen knurrte, und Carotte als magere Vettel, vorzeitig gealtert, ebenso hoffnungslos wie er, beide zutiefst bereuend, dass sie damals den Kräutern und dem Herumhüpfen und dem Niesen vertraut hatten. Das war eines seiner Probleme: er sah sich stets in Szenarien, in denen die Hoffnung so weit entfernt war von ihm wie der Mond, und es schnürte ihm vor Angst die Kehle zu. Die Kinder waren nur eine weitere Variante des Bildes Raymond-wie-er-völlig-heruntergekommen-neben-der-Strasse-stirbt und fügten zur Angst um sich selbst auch noch die Verzweiflung einer Verantwortung hinzu, die er nicht zu erfüllen vermochte. Bischof Jean Bellesmains, dachte er. Meine letzte Chance. Wollen Sie ihre Christenpflicht an einem Hoffnunglosen erfüllen, Ehrwürden? Ich habe Spottlieder gegen die Kirche gesungen, aber der Spott ist mir vergangen, und wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich mich ein wenig mehr zurückgehalten. Hätte er? Man hatte ihn Raymond le Railleur genannt, Raymond den Spötter. Hätte er damals geglaubt, dass es so weit mit seiner Heimat kommen würde, dass die wenigen übriggebliebenen Herren (Graf Jaufre, der verdammte Geizkragen) lieber mit den Pfeffersäcken paktierten als mit den schönen Künsten? Nein, dachte er, nein, ich habe es noch nicht einmal geglaubt, als ich Walther de Chatillon an einer Wegkreuzung traf, er auf dem Weg nach Norden, ich mich vollkommen sicher wähnend in Aquitanien, und Walther mir erklärte, dass der Süden erledigt war mit der Gefangennahme von Königin Aliénor und dass es nun auf den Jungen König Henri ankäme, das Land vom Griff des alten Plantagenet zu befreien. „Dieser unsägliche dichtende Cluniaszensermönch Richard nennt den alten Henri den Herrn der Nordwinde und seine Söhne die jungen Adler“, hatte Walther geprustet. „Ich wette, dass dem Nordwind bald die Puste ausgehen wird.“ „Und bis dahin...?“ „Spielt die Musik woanders. Ich verdinge mich bei Jung-Henri, er ist doch als so großzügig bekannt, und wenn so ein Reimeschmied wie Bertran de Born dort gelitten ist, dann finde ich auch meinen Platz.“ Man bedenke: Walther de Chatillon war nicht irgendeiner aus der Sängerszunft, die Herren hatten ihn gefragt, ob er bei ihnen spielen möge anstatt umgekehrt. Während er selbst, Raymond – dem wollen wir doch mal ins Auge sehen – tatsächlich nur irgendeiner war. „Warum gehst du nicht nach Paris?“ hatte Raymond gefragt. „Weil der junge König Philipp Dieudonné den Sängern den Kampf angesagt hat, kaum dass der alte Louis, sein Vater, unter der Erde war. Er sagt, er gibt das Geld lieber den Armen.“ Walther hatte mit den Schultern gezuckt. „Außerdem: wer will schon nach Paris, dieses Lehmhüttendorf? Viel Glück, Raymond, ich hab’s eilig!“ Nun ja: er hätte Walther überholen sollen auf dem Weg zu Jung-Henri; er hätte ihn bei fünf Meilen Weg um vier schlagen sollen, dann hätte er vielleicht eine Chance gehabt. Aber er musste ja unbedingt ein treuer Poiteviner sein. Zu spät, Raymond, dachte er, zu spät, wie immer. Wenn du noch Spott hast, dann spotte über dich selbst. Und im gleichen Atemzug zwinkerte er den Kindern zu und machte eine Grimasse und dachte über eine passende Bemerkung zu den lahmärschigen Wachen nach, die sie gleichzeitig zum Lachen bringen und ihnen klarmachen würde, dass Raymond ihre Schikane wohl durchschaut hatte. Die Kinder reagierten nicht. Sie gafften ihn an. Er konnte den Blicken nicht standhalten und wandte sich ab. Was würde Poitiers für ihn werden? Die Stätte der Niederlage von Alarich oder die des Sieges von Chlodwig? Der Triumph von Charles Martel oder der Untergang der Sarazenen? Poitiers, ich komme, dachte er erneut.
Die tschechische Ausgabe der TOCHTER DES BISCHOFS, erschienen bei Bastei Moba.
Bildnachweis: Richard Dübell (3), TIME LIFE (2), Verlagshaus Lübbe (1),
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