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ISBN 3-431-03674-0                                                                  Ehrenwirth-Verlag                                                     Erscheinungstermin: März 2006   




Peter Bernward, der mit seiner Gefährtin Jana Dlugosz seit mehreren Jahren in Krakau lebt, bereitet sich auf mehrere wichtige Dinge vor, die in unmittelbarer Zukunft anstehen: sein achtjähriger Adoptivsohn Paolo wird bei Peters Freund, dem jüdischen Bankier Mojzesz Fiszel, in die Schule gehen (eine hohe Ehre!); seine ältere Tochter Sabina und sein Sohn Daniel haben sich dazu durchgerungen, die Paolo zu Ehren geplante Feier zu besuchen (Peters Wunsch, sich wenigstens mit einem Teil seiner früheren Familie auszusöhnen, rückt in greifbare Nähe!); und nicht zuletzt hat Peter bereits um einen Termin bei König Kasimir nachgesucht, um die Heiratserlaubnis mit Jana zu erwirken (was als Überraschung für Jana geplant ist und für Peter einen gewaltigen Sprung über seinen Schatten darstellt).



Daher ist Peter nicht begeistert, als Fiszel ihn um Hilfe bittet. Der Sohn eines der jüdischen seniores, ein junger Mann namens Samuel ben Lemel, hat einen Skandal verursacht: man bezichtigt ihn, der Tochter eines christlichen Ratsherrn, der jungen Zofia Weigel, Gewalt angetan zu haben. Zofias Vater ist bereit, die Sache auf dem Verhandlungsweg aus der Welt zu schaffen, und Samuels Vater spielt nur zu gern mit – wenn die Sache öffentlich wird, ist das Leben beider junger Menschen ruiniert. Fiszel bittet Peter darum, den Unterhändler zu spielen und die Sache geräuschlos abzuwickeln.




Doch als Peter noch in den ersten Sondierungsgesprächen ist, fliegt die Geschichte auf: Julius Avellino, ein Kapuzinermönch und berüchtigter Demagoge, der den Schutz des Kardinals Fryderyk Jagiello genießt, verkündet sie genüsslich von der Kanzel. Seine Hasspredigten verwandeln die seit Jahrzehnten mühsam Frieden haltenden Fraktionen der deutschen Patrizier, polnischen Handwerker und jüdischen Kaufleute in feindliche Läger… und die Stadt in ein Pulverfass…



In historischen Romanen spielen mal mehr, mal weniger tatsächliche geschichtliche Persönlichkeiten eine Rolle. Im SOHN DES TUCHHÄNDLERS werden zwar mehrfach historische Figuren erwähnt (z.B. König Kasimir Jagiello, oder auch Herzog Georg von Landshut), in tragenden Rollen mitspielen tun aber nur wenige.

Eine davon ist der Hofbankier des Königs, Mojzesz Fiszel. Seinen Namen habe ich in einer historischen Abhandlung über das Schicksal der jüdischen Gemeinde Krakaus von Jehuda Stein gefunden, und die äußeren Einwirkungen, die seinem Charakter in meinem Roman widerfahren, sind denen im tatsächlichen Leben recht ähnlich. Nachdem ich die Lektüre über den echten Mojzesz Fiszel beendet hatte, stand für mich fest, dass dieser Mann im Roman der Freund Peter Bernwards sein müsse. Hätte es Peter wirklich gegeben, wären die beiden wahrscheinlich auch in echt befreundet gewesen.

Eine weitere Figur aus der realen Geschichte ist der Bildhauer Veit Stoß. Sein wahres Schicksal hat die Charakterisierung der Romanfigur bestimmt; einiges von dem, was dem echten Veit Stoß widerfahren ist, habe ich in der Geschichte quasi im Vorbeigehen gestreift. Er ist keine Schlüsselfigur im eigentlichen Sinn, doch das, was er im Roman im guten Glauben tut zu helfen, spitzt die Situation noch weiter zu.

Die eigentliche Schlüsselfigur, was reale Vorbilder im SOHN DES TUCHHÄNDLERS angeht, ist jemand, dem ich einen anderen Namen gegeben habe als in der Wirklichkeit. Das ist nicht aus Pietät geschehen, sondern weil die echte Person fünfzig Jahre vorher in Krakau war. Die Rede ist von Jan Capistrano, der für den Charakter von Julius Avellino Pate gestanden hat.

Capistrano predigte in den fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts in Krakau gegen die jüdische Bevölkerung und schaffte es, den seit 1408 dauernden Frieden zwischen den Konfessionen zu stören. Seine Predigten lösten einen glücklicherweisen nur kurzen, begrenzten Pogrom aus, dennoch gab es Todesopfer und Verletzte.

Capistrano wurde in der Folge heiliggesprochen; Statuen seiner Person finden sich unter anderem in Tschechien und Polen. In Krakau selbst hat er es auch zu einer Statue gebracht; sie befindet sich an der Fassade eines Hauses am Tuchmarkt, ungefähr dort, wo sich damals die Gebäude der Kleinen und Großen Waage erhoben. Ich habe diese Stelle daher für alle großen Auftritte Julius Avellinos gewählt, als kleine, böse gemeinte Hommage an die Hetzreden des heiligen Johannes von Capistrano.


Da im Buch kein Platz für einen Stadt- oder Lageplan Krakaus war, habe ich es mir angelegen sein lassen, dies hier nachzuholen. Ich stelle Ihnen die wichtigsten Schauplätze zunächst anhand eines wunderschönen Holzmodells dar, das mir im Museum in Krakau vorgestellt wurde und das ich freizügig fotografieren durfte, weiter unten auch mit einem alten Stadtplan. Meine Fotos haben mir beim Schreiben des Buchs immer wieder geholfen, wenn ich Peters Wege durch die Stadt nachvollziehen wollte.


Der alte Stadtplan hängt im Foyer eines Hotels in der Kanonikergasse in Krakau. Er gibt Ihnen einen Gesamtüberblick über die mittelalterliche Stadt.



Was die Recherche vor Ort betrifft, die mir stets ein wichtiges Anliegen ist, so trifft man in der Regel auf offene Ohren und tatkräftige Hilfe. Dass man mehrere Tage lang aber richtiggehend an der Hand genommen wird, dass für einen vorab Besichtigungs- und Gesprächstermine vereinbart werden und dass man von Lokalgrößen auch noch zum Essen eingeladen wird, das ist ein schöner Autorentraum. In Krakau ist er wahr geworden. Unsere Ansprechpartnerin vor Ort war Jolanta Kozlowska, eine frühere enge Mitarbeiterin des polnischen Kulturattachés in Deutschland und Freundin meiner Heimatstadt Landshut. Ihr und unserer engagierten Stadtführerin Joanna Tumielewicz gebührt ein herzliches Dankeschön für ihre Begeisterung und ihre Geduld.

Dem Einsatz von Frau Kozlowska und Frau Tumielewicz verdankten wir es nicht zuletzt, dass die Recherche trotz des engen Zeitrahmens vollkommen entspannt war. Von meinen anderen Recherchereisen gibt es nicht viele Bilder, auf denen ich lässig auf einer Bank hocke und viel Zeit zu haben scheine.

Der Innenhof der Universität atmet noch die kaum verfälschte Atmosphäre des gotischen Prag. Leider gelang es mir nicht, eine Szene zu finden, die sinnigerweise dort spielen würde. Aber wenigstens habe ich die umittelbare Nachbarschaft dieses wunderschönen Gebäudekomplexes im Roman untergebracht - Janas Haus befindet sich in der gegenüberliegenden Gasse, das Haus von Friedrich Miechowita praktisch direkt gegenüber.


Ja, und da haben wir den aktuellen "Nachfolger" von Janas Haus. Die gotische Fassade ganz im Hintergrund gehört zur Universität. Natürlich sieht hier vieles ganz anders aus als früher, vor allem nach dem katastrophalen Brand, der die Romanhandlung beschließt ;-). Vor dem Vorgänger dieses Tors aber steht Peter des öfteren und versucht die Hoffnung festzuhalten, dass nicht alles, was er in seinen Jahren in Krakau aufgebaut hat, verloren ist.



Leseprobe:

Kapitel 1


25. Tag des Lenzmonats, 1486 A.D.
Verkündigung des Herrn

 

„Gott der Herr blickt auf diese Stadt“, brüllte der Mönch. „Und Gott WEINT!“
Die Anzahl seiner Zuhörer war beträchtlich. Er stand in taktisch günstiger Position gleich außerhalb des Hauptportals der Sankt-Andreas-Kirche mitten in der Vorstadtgasse, und alles, was es gebraucht hatte, um die Zuhörermenge zu bannen, waren ein paar Dutzend Neugierige, die stehen blieben und die Eingänge der nächstgelegenen Gassen verstopften. Dafür, dass es Neugierige gab, hatte der Mönch gesorgt: er stand auf einer schwankenden Staffelei, die von zwei Chorknaben aus dem Dom nur mangelhaft stabilisiert wurde; und als die ersten Messbesucher ins Freie gestrebt waren, hatte er sich die Kutte bis zum Bauchnabel aufgerissen und laut zu kreischen begonnen wie einer, der auf dem Scheiterhaufen steht und merkt, dass das Ganze kein Spaß mehr ist.
Die Leute blieben stehen und gafften. Die Nachfolgenden strömten aus der Kirche und drängten die Gaffer beiseite, aber da diese ihr Recht zu gaffen behaupteten und sich gegen den Andrang wehrten, wurde aus der Menge bald ein unentwirrbarer Knäuel Leiber, der Schimpfwörter und Flüche absonderte und ganz allgemein die Energie für eine baldige Prügelei ansammelte.
Friedrich von Rechberg und ich waren mittendrin.
„Das muss dieser Kapuzinermönch aus Italien sein“, schrie ich Rechberg ins Ohr. „Er hat sich durch das ganze Reich bis hierher gepredigt und soll seit einer oder zwei Wochen beim Kardinal leben. Fryderyk Jagiello hat scheinbar einen Narren an ihm gefressen.“
„Und was predigt er?“ schrie Rechberg zurück.
„Die frohe Botschaft der Christenheit…“
„Gott der Herr WEINT bittere TRÄNEN!“ donnerte der Mönch.
Die Gesichter der Menschen um uns herum wirkten in der Mehrzahl ungeduldig. Die meisten wandten die Köpfe, um nach einem Ausweg aus der Menge zu suchen; ein paar Glückspilze am Rand schafften es, sich abzusetzen. Sie hatten bis gerade eben eine Stunde lang den Rücken des Priesters der Sankt-Andreas-Kirche betrachtet, dessen Eigenart es war, die Messe flüsternd zu halten und selbst die Wandlung mit so sparsamen Bewegungen auszuführen, dass ein unaufmerksamer Beobachter ihn für eine lebensgroße Heiligenfigur halten konnte – sie hatten, selbst wenn sie mir in all den Jahren meines Hierseins gläubiger und ernsthafter erschienen waren als die Bewohner der Städte des Deutschen Reichs, für heute einfach genug von unverständlichen Predigten.
„Wieso spricht der Bursche in Latein?“ fragte Friedrich von Rechberg. „Ich dachte, hier spricht man entweder deutsch oder polnisch?“
„Auf Latein hört sich selbst Gegeifer edel an.“
„Der Herr SIEHT die gottesfürchtigen Menschen in dieser Stadt“, schrie der Mönch. „Er SIEHT die fleißigen Handwerker, von deren Tagwerk die Gassen widerhallen; er SIEHT treuen Schreiber, die den Reichtum des Landes aufzeichnen; er SIEHT die kräftigen Baumeister, die den Ruhm der Stadt in Stein meißeln und in die Höhe bauen; er SIEHT die ehrlichen Dienstboten und die tapferen Scharwächter und die eifrigen Gesellen und die besorgten Betbrüder und die aufopferungsvollen Magister an der Universität und ihre klugen Studenten…“
„Komm zur Sache!“ rief jemand in der Menge, der den Prediger offenbar verstand. Spärliches Gelächter ertönte. Den meisten war nicht klar, worauf der Schreihals anspielte.
„Schmeisst ihn von der Leiter runter!“ Jetzt kamen die Zwischenrufe auf Polnisch und ernteten bedeutend mehr Aufmerksamkeit im Publikum. Die deutschsprachige Oberschicht verschmähte die Sankt-Andreas-Kirche, wenn es darum ging, sich mit Gott in Verbindung zu setzen; sie hing der Ansicht an, dass Gott sie in der Marienkirche besser vernahm. Wer hierher zum Beten kam, gehörte zu den Handwerkszünften oder zum Dienstpersonal in den Häusern der ausländischen Gesandten im südlichen Teil der Vorstadtgasse und war von reiner polnischer Abstammung.
„Oder hängt ihn daran auf.“
„Dann hätten wir wenigstens eine Entschädigung …!“
Noch lauteres Gelächter.
„Wenn du bis zum Mittag nicht fertig bist, tun wir’s!“
„Eine Entschädigung wofür?“ fragte Rechberg.                                   „Die Hinrichtung auf dem Marktplatz“, sagte ich.
„Ah ja … der Gesetzlose, der die Tochter des Kürschners geschändet und erschlagen hat …“
„Ein Bettler“, sagte ich. „Es war ein Bettler. Einer der Gesellen bot ihm etwas zu Essen an, wenn er für ihn eine Weile das Leder walken würde. Der Geselle hatte nämlich Sehnsucht nach seinem Liebchen in der Stadt und brauchte eine Ablösung. Der Bettler setzte sich also hin und bearbeitete das Leder; da kam eine der Mägde des Kürschners in die Werkstatt, sah den Fremden und begann ihn zu beschimpfen und nach der Wache zu rufen. Der Bettler versuchte sie zum Schweigen zu bringen, doch als er ihr den Mund zuhalten wollte, schlug sie ihn mit dem Steinguttopf über den Schädel, den sie bei sich trug. Er stieß sie von sich, und sie fiel mit dem Hintern ins Feuer und begann jetzt WIRKLICH zu brüllen. Die Nachbarn stürzten herein und sahen den Bettler, dem das Blut von der Stirn lief, über die Magd gebeugt, deren Hinterteil qualmte… wie hätten sie das wohl deuten sollen?“
„Meine Güte“, sagte Rechberg. „Das ist ihm zum Verhängnis geworden?“
„Nein, das noch nicht. Der arme Teufel gab Fersengeld. Auf die Straße hinaus konnte er nicht, da standen die Nachbarn. Da stürzte er die Treppe hinauf ins Obergeschoss, platzte blindlings durch die nächste Tür und erwischte die Weiberschlafkammer, wo die Frau des Handwerkers gerade ein Kleid anprobierte, um es zu ändern. Die Alte schrie sofort: Vergewaltigung! und ließ das Kleid fallen, um im Hemd auf den Bettler loszugehen und ihn mit der Elle zu verdreschen. Er versuchte zum Fenster rauszuspringen. Die Alte ließ nicht ab von ihm, und…“
„… da hat er die Tochter gepackt und auf sie eingeschlagen.“
Ich sah Friedrich von Rechberg an. „Nein, die war gar nicht im Zimmer. Er kriegte das Fenster nicht auf und raste wieder zur Tür hinaus, wo die Nachbarn gerade die Treppe heraufkamen und die kreischende Alte verstärkten. Jetzt suchte er sein Heil auf der Flucht ins Dachgeschoß, die Nachbarn und die Kürschnermeisterin immer hinterher. Im Dachgeschoß war die Ladeluke im Giebel geöffnet, und der Bettler rannte darauf zu und…“
„… die Tochter stellte sich ihm in den Weg, und er warf sie hinaus, und sie zerschmetterte unten in der Gasse.“
„Wollen Sie’s nun hören oder nicht?“
„Entschuldigung“, sagte Rechberg.
„… alles Betteln um VERGEBUNG wird nichts nützen, wenn der Zorn des Herrn die Gottlosen richtet. DIES IRAE, sage ich euch, DIES IRAE … !“
„Also, der Bettler sieht, dass eine Ladung am Galgen hängt. Er weiß nicht, wie groß sie ist oder wie sicher der Galgen, aber hinter ihm schreien sie schon nach seinem Blut. Er tut das, was er für seine einzige Überlebenschance hält – er springt ins Leere hinaus und greift nach dem Tau … er sieht, dass eine Ladung Lederballen, auf eine Art hölzerne Palette gebunden, am Tauende baumelt … er kriegt es zu fassen …“
„Aaaah!“ seufzte Rechberg überrascht.
„Genau, das sagten alle anderen auch. Der Bettler hockt jetzt rittlings auf der Ladung, die weit ausschwingt, luftig und unbequem, aber fürs erste gerettet.“ Ich spähte Rechberg unter die Hutkrempe, aber er starrte mich nur mit großen Augen an und hing an meinen Lippen, fern einer weiteren Unterbrechung. „Dann rutschte der Splint, der der Seilrolle oben am Galgen fixierte, halb heraus, und nach einem Schreckmoment wurde der Bettler gemächlich abgewickelt, dem sicheren Boden entgegen.“
Rechberg blinzelte überrascht.
„... und wenn es auch scheint, dass die Gerechten leiden und die Sünder ihrer Strafe ENTGEHEN, so TÄUSCHT euch nicht, ihr Unchristen…!“
„Natürlich nur, bis die Knechte oben zupackten und verhinderten, dass er gänzlich in Sicherheit nach unten sank. Wieder schwebte der arme Teufel zwischen Himmel und Hölle. Sie können sich vorstellen, welche Beschimpfungen in der Zwischenzeit auf ihn herunterprasselten, vornehmlich von der Kürschnermeistersgattin.“
„Was ich mir nicht vorstellen kann, ist, wie die Tochter des Meisters ins Bild kommt.“
„Sofort … plötzlich schreit die Alte, man solle den Splint ganz herausreißen, dann würde der Hundsfott zu Tode stürzen … dem Leder könne ja nichts passieren, und um die Palette sei es sicher schade, aber sie ende für einen guten Zweck … und gesagt, getan: ein Ruck zurück, der Splint fliegt heraus … der Bettler klammert sich entsetzt an dem nutzlos gewordenen Tau fest … abwärts geht die Reise …“
Rechberg griff unwillkürlich eine Handvoll Luft und starrte mich an.
„Doch da trat unten die Tochter des Hauses vor die Tür, um nachzusehen, welcher Lärm da aus dem Obergeschoß tobte, und …„
„NEIN“, schrie der Mönch so laut, dass wir unwillkürlich zu ihm hinsahen. Er stampfte mit einem Fuß auf seine Staffelei, dass die Chorknaben an ihrer Basis durcheinanderstolperten.
Ich zuckte mit den Schultern. „Doch. Der Aufprall brach dem Bettler ein Bein, aber für die Tochter kam jede Hilfe zu spät.“
„Aber da kann doch der arme Kerl gar nichts … ich meine, eigentlich ja schon, aber er wollte doch gar nicht, dass …“
„Na und?“, fragte ich. „Wo leben Sie denn, mein Freund? Die Tochter war seinetwegen zu Tode gekommen, oder nicht?“
„Ich hoffe, der Richter hat die Umstände berücksichtigt, als er die Hinrichtungsmethode festlegte …“
„Ja, hat er wohl. Sie hängen ihn. Zuerst wollten sie ihn in heißem Öl sotten, aber der Magistrat hielt es für zu gemein.“
„Meine Güte!“
„Ihr glaubt, ihr seid sicher, aber ich SAGE euch: Der Herr SIEHT jene Verirrten, und sein Auge blickt nicht wohlgefällig auf sie herab. Er SIEHT sie … er SIEHT ihnen ins Herz hinein und WEINT bittere Tränen …“
Rechberg schüttelte den Kopf. „Worauf will dieser Dummkopf eigentlich hinaus?“
„… jene ANDEREN… jene vom Teufel verführten Seelen der Finsternis … jene ANDEREN … die statt vor dem Kruzifix vor dem Götzen Mammon niederknien … jene Diebe der ehrlichen Arbeit und jene Nutznießer der Not …“
„Wer kann hier unter den Leuten schon Latein? Das ist doch alles genauso in den Wind gesprochen wie jedes Wort, das man zur Verteidigung des vermaledeiten Bettlers im Kürschnerhaus vorbringen wollte…“
„Das Judenpack!“ schrie plötzlich eine Stimme in der Nähe.
Ich wandte mich um und sah den Sprecher an; dünn, langnasig, langgliedrig, wehendes Haar: seine ganze Gestalt wirkte so ausgefranst wie der dunkelfarbene Mantel, der von seinen Schultern herabhing. Er sah aus, als hätte er seinen letzten Wertgegenstand schon vor Tagen zum Pfandleiher getragen und als hätte seine Finanzkraft seitdem keinen Aufschwung nach oben genommen. Sein dünner Aufschrei schnitt durch das Gelärme in unserer Nähe hindurch wie eine Sense durch Grashalmgeraschel.
„Es gibt immer einen, der versteht“, sagte ich.





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Verlagsgruppe Lübbe; Muzeum Historyczne Miasta Krakowa; Richard Dübell; www.nndb.com; Richard Dübell; Richard Dübell; Richard Dübell; Michaela Dübell; Richard Dübell; Richard Dübell




 
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