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Januar 2008
Wenn man so viel wie ich über das Mittelalter geschrieben hat und in jedem Interview angibt, dass man in dieser Zeit zwar nicht hätte leben mögen, aber so ein klitzekleiner Besuch mit einer Zeitmaschine ... dann ergreift man natürlich mit beiden Händen die Gelegenheit, die Zeitreise wenigstens virtuell vorzunehmen.

Die alle vier Jahre in meiner Heimatstadt stattfindenden Aufführungen der "Landshuter Hochzeit 1475" sind so eine Gelegenheit. Daher bewerbe ich mich beim Vorstand des Vereins "Die Förderer e.V.", in dessen bewährten Händen die "Landshuter Hochzeit 1475" liegt, als aktiver Mitwirkender. Ich habe sogar eine Idee, wen ich verkörpern möchte (haben Sie gedacht, Kaiser Friedrich III.? Oder wenigstens Herzog Ludwig den Reichen von Landshut? Ts, ts, ts ...): den Chronisten und seinerzeitigen Pfarrer der Kirche St. Jodok, Veit Arnpeck.

Der Einfall kommt nicht von ungefähr. Erstens ist mir Veit Arnpeck in seiner Funktion als Chronist quasi kollegial über die Jahrhunderte hinweg verbunden; zweitens habe ich ihn schon einmal in meinen Glossen anläßlich der 800-Jahr-Feier Landshuts von den Toten auferstehen lassen; und drittens hat er, obwohl viele der uns heute bekannten Informationen zur Landshuter Hochzeit aus seiner Feder stammen, bislang noch nie in den Aufführungen eine Rolle gespielt.


Februar 2008
Nach zwei Gesprächen mit dem "Förderer"-Vorstand ist klar, dass Veit Arnpeck in die Aufführungen der "Landshuter Hochzeit 1475" im Jahr 2009 integriert wird. Tatsächlich ist man von der Idee so überzeugt, dass man überlegt, die Rolle wiederkehrend anzulegen, und mir wird freundlich mitgeteilt, dass, sollte ich am Ende doch nicht mitspielen wollen, die Rolle evtl. sogar anderweitig besetzt würde. Ich freue mich sehr, dass ich eine neue Anregung in die "Landshuter Hochzeit 1475" einbringen konnte, und mache mir ansonsten Sorgen, ob ich mir für den Charakter möglicherweise eine Tonsur scheren lassen muss.


September 2008
Ich nutze meine Kontakte zu P.M.History und schlage vor, rechtzeitig zu den Aufführungen der "Landshuter Hochzeit" im Juni/Juli 2009 einen Artikel über den historischen Hintergrund der Feiern zu schreiben. Es stellt sich heraus, dass es so einen Artikel schon einmal gegeben hat. Hmmm ... was kann man unter diesen Umständen noch Neues schreiben? Schließlich verfalle ich darauf, wie schon in meinem Buch DER TUCHHÄNDLER weniger die Feierlichkeiten selbst als deren monumental organisierte Vorbereitungen zum Hauptthema des Artikels zu machen. Immerhin haben die damaligen "Eventmanager" etwa 10.000 Gäste aus dem ganzen Deutschen Reich untergebracht, verköstigt und für den Frieden untereinander gesorgt, und das sieben Tage lang und ohne Telefon, Fax oder Blackberry ... Die eigentlichen Heldentaten finden ja meistens im Hintergrund statt.


Oktober 2008
Mein Aufenthalt auf der Frankfurter Buchmesse ist zunächst von vielen Erklärungen begleitet, dass ich tatsächlich ich selbst bin, weil mich mit meinen seit Februar nicht mehr gekürzten Haaren keiner erkennt. Ich beginne eine Abfrage unter den weiblichen Besuchern und Mitarbeiterinnen des Messestandes, mit welcher Frisur ich weniger dämlich aussehe: die bisherige Kurzfrisur (vgl. das große Portrait meiner Wenigkeit am Messestand) oder die mittelalterlichen Locken (vgl. das Original). Es geht ziemlich eindeutig zu Gunsten der langen Haare aus, was bedeutet, dass ich vierzig Jahre meines Lebens mit einer negativen Frisur herumgelaufen bin.

Mein Verleger, Stefan Lübbe, und seine Frau sagen spontan zu, eines der Wochenenden der "Landshuter Hochzeit 1475" besuchen zu wollen. Wahrscheinlich können sie sich nicht vorstellen, mich als Pfarrer zu sehen.


November 2008
Als Mitglieder des Vereins "Die Förderer e.V." hat man ein kurzes Zeitfenster lang die Gelegenheit, eine sehr begrenzte Anzahl von Karten für eine der Aufführungen vorzureservieren. Ich besorge Karten für die Lübbes und meine Frau (die keine Rolle bekommen hat) für die "Nächtlichen Spiele im festlichen Lager" und den "Hochzeitszug". Das Ganze läuft sehr entspannt ab - ungleich den Verhältnissen, die ein paar Tage später herrschen, als die Freigabe des Kartenverkaufs für die Öffentlichkeit erfolgt. Am ersten Tag bildet sich eine Schlange, die sich durch die halbe Altstadt zieht. Bereits Ende November ist fast alles ausverkauft.



Januar 2009
Ich denke, spätestens jetzt sollte ich die Überschrift aufklären: Tagebuch eines Hausgenossen? Was ist ein Hausgenosse? Nun, da sind sich alle Beteiligten selbst nicht ganz sicher. Klar ist nur, dass Veit Arnpeck im Jahr 1475 als "Hilfspfarrer und Hausgenosse auf Sankt Jobst" gemeldet ist. Vielleicht hat er ja die Pfarrersköchin ersetzt und neben seiner Hochzeitschronik Menüs Schubeck'schen Ausmaßes für den Gemeindepfarrer zubereitet?

Jedenfalls geht es in diesem Monat auch für mich um die Wurst: Am letzten Januartag findet das Casting der Mitwirkenden statt. Haarlänge, Auftreten usw. werden von einem mehrköpfigen Komitee überprüft. Immerhin gibt es für 1.800 Rollen (ja, ja, die "Landshuter Hochzeit 1474" ist nicht nur toll, sondern auch riesig!) etwa 4.000 Bewerber, da kann man es sich schon leisten, auszusieben. Zusammen mit mir stellen sich zwei weitere Herren vor, einer für die Hofküche (wir erfahren, dass er gelernter Koch und Feinkostbäcker ist, schon mal eine gute Voraussetzung); wofür sich der andere interessiert, wird mir nicht ganz klar, weil er, wenn er überhaupt etwas sagt, nur murmelt. Ich fürchte, er hat keine großen Chancen. Wie man abgeschnitten hat, erfährt man an diesem Tag nicht. Alles läuft extrem fair und höflich ab. Wenigstens erhalte ich die offizielle Bestätigung, dass meine Haare lang genug sind.


Februar 2009
Nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit meiner Teilnahme an der "Landshuter Hochzeit 1475", aber doch wichtig sind die Schrauben in meinem rechten Bein. Diese habe ich mir im Mai 2008 verdient, als ich mir beim Rutschen mit Sohn Nr. 2 das Sprunggelenk gebrochen habe. Die Schrauben sind für Mai/Juni 2009 zur Entfernung vorgesehen. Ich bin mir nicht sicher, wie gut ich gleich nach der Operation laufen kann, und plädiere bei meinem Chirurgen für eine frühere Entfernung. Mein Chirurg ist selbst Landshuter Hochzeiter und hat Verständnis. Ich erhalte einen Termin für Ende März.


März 2009
Bei einem köstlichen Arbeitsessen mit dem Chefredakteur von P.M.History umreißen wir den Inhalt des Artikels, und ich verspreche, mich um das Bildmaterial zu kümmern. Später stelle ich fest, dass dies ein leichtsinniges Versprechen war. Bei den "Förderern" ist man vorbildlich kooperativ, aber der Artikel entsteht genau zu einer Zeit, in der wöchentlich aktualisierte Bilder des Hochzeitspaares entstehen - und an die ist ohne vorherige Abstimmung im Verein nicht so einfach ranzukommen.



April 2009
Nach Gruppen geordnet erfolgt seit mehreren Wochen die Kostümausgabe; die Gruppe, der ich zugeordnet worden bin (die "niedere Geistlichkeit") ist Mitte April dran. Ich habe angesichts des großen Andrangs erwartet, dass die Kostümausgabe ähnlich derer in der römischen Legion erfolgt ("Wir haben drei Größen: klein, mittel, groß!"), doch tatsächlich nehmen sich die Vereinsoffiziellen für jeden Einzelnen Zeit und versuchen, jedem nicht nur ein schönes, sondern auch passendes Gewand zu geben. Mein Kostüm ist noch gar nicht angefertigt, da ich ja eine neue Figur bin. Kopfbedeckung und Schuhe sind jedoch schon vorgesehen. Mein Freund Tom, der auch mitspielt, hat mir im Vorfeld den Rat mitgegeben, darauf zu achten, dass ich keinen allzu dämlichen Hut bekomme. Da an mir fast alle Hüte dämlich aussehen, ist der gute Rat verschwendet.

Ein paar Tage später werde ich zum Abmessen meines Kostüms gebeten. Ich schlage vor, die beinahe Tag und Nacht arbeitende Nähstube der "Förderer" zu entlasten, indem meine Schwiegermutter und meine Frau das Kostüm anfertigen. Die beiden habe alle meine Lesungskostüme geschneidert. Man drückt mir dankbar die Schnittmuster und den Stoff in die Hände und erklärt mir (völlig vergeblich), wie die Schnittmuster funktionieren.

Ich versuche, alles möglichst wirklichkeitsgetreu meiner Schwiegermutter und meiner Frau wiederzugeben und bin selbst am meisten erstaunt, dass es nur wenige Rückfragen gibt.

Mittlerweile habe ich auch den Artikel für P.M.History fertiggestellt und abgeliefert. Die Redaktion schiebt noch eine weitere Seite ein für ein Interview mit dem Landshuter OB und dem Vorstand der "Förderer e.V.". Aus Termingründen soll ich das Interview mit Dr. Pöschl, dem Förderer-Vorstand, führen. Bislang bin ich bei Interviews immer auf der anderen Seite gesessen; eine interessante Erfahrung, die mir leichtgemacht wird, weil Dr. Pöschl sich als sehr kooperativer und witziger Interviewpartner entpuppt.



Mai 2009
Noch sechs Wochen bis zum ersten Aufführungs-Wochenende. Meine beiden Söhne, die ebenfalls mitspielen, werden eingekleidet und sind so stolz auf ihre Kostüme, dass wir sie zwingen müssen, sie wieder auszuziehen. Ich selbst habe damit begonnen, meine Schuhe einzulaufen, und bin überrascht, wie bequem sie sind. Meine Gruppe trifft sich zu einer ersten organisatorischen Besprechung; manche von ihren Mitgliedern nehmen schon seit vierzig Jahren oder mehr an der "Landshuter Hochzeit" teil. Der Veit-Arnpeck-Anteil in mir möchte am liebsten alles aufschreiben, was sie erzählen.

Habe ich eigentlich erwähnt, dass es ein schier aussichtsloses Unterfangen ist, an Gänsekiele heranzukommen, ohne das Internet zu bemühen? Ich lebe in einer durchaus ländlichen Gegend, aber auch hier scheinen Gänse einfach ausgestorben zu sein. Und Gänsekiele brauche ich natürlich, um meiner Chronistenrolle gerecht zu werden. Rechtzeitig zum Vatertag besorgt mir Sohn Nr. 1 über dunkle Quellen (und seine Großmutter) ein paar Federwische, von denen ich mir die Schwertfedern in mühevoller Kleinarbeit herunterpule. Jetzt noch härten und zuspitzen, dann kann ich meine ersten Versuche in der Kanzleischrift des 15. Jhdts. unternehmen.


Juni 2009
Mein Gewand ist fertig - bis auf die 32 Knöpfe, die noch angenäht werden müssen. Ich gebe in meiner Familie die Parole aus, dass derjenige, der mich am Morgen nicht anständig grüßt, diesen Job bekommt. Noch nie war der Umgangston bei uns so höflich wie in den letzten Tagen.

Von einem befreundeten Pfarrer lerne ich, dass eine Soutane eigentlich 33 Knöpfe haben sollte - für jedes Lebensjahr von Jesus Christus ein Knopf. Da dies allerdings erst für die Zeit des Barock nachweislich als Tradition erkennbar ist, kann mein spätmittelalterliches Gewand mit seinen 32 Knöpfen wohl durchgehen. Tatsächlich streiten sich die Experten, welche Kleidung ein Pfarrer im ausgehenden 15. Jhdt. überhaupt getragen hat. Das feierliche Meßgewand mit Rock und Chorhemd wurde angeblich nur bei höchsten kirchlichen Festtagen getragen, wenn ein armer Hilfspfarrer und "Hausgenosse" wie Veit Arnpeck überhaupt eines besessen haben sollte. Aber hier gilt wie überall, wenn es um historische Akkuratesse geht: manchmal versuchen wir Heutigen das Mittelalter authentischer zu machen, als es in Wirklichkeit gewesen ist. Ich sehe jedenfalls recht würdig aus in meinem schwarzen Gewand, und das ist es doch, was zählt!!!

Vom Tag der ersten Proben auf dem Turnierplatz an ist das Bayerische Fernsehen an meinen Fersen und dreht einen Blick hinter die Kulissen der Landshuter Hochzeit, für den meine Gruppe und ich der rote Faden sind. Die Sendung ist für den 23.06.09 geplant - anschauen!!!!

Am Tag der Generalprobe (erstmalig dürfen wir unsere Gewänder auf dem Festplatz tragen) habe ich wieder das Kamerateam vom BR dabei, alle drei schneidig in mittelalterlichem Kostüm gewandet. Alles läuft wie am Schnürchen, nur als die Kamera den Chronisten V. A. beim Schreiben aufnehmen will, hat dessen Feder Ladehemmung. Ausgerechnet ...! Nach ein paar fruchtlosen Kratzern höre ich die freundliche Stimme der BR-Redakteurin im Ohr: "Da müssen wir doch noch ein bißchen üben, nicht wahr?" Ach, ich liebe es, wenn das eigene Versagen für alle Zeiten auf Film festgehalten wird!

Zwei Tage nach der Generalprobe - und es regnet den ganzen Tag wie aus Gießkannen. Ohne den Festplatz gesehen zu haben, weiß ich, dass er sich langsam aber sicher in einen Sumpf verwandelt. Angeblich soll es bei den Aufführungen neunzehnhundertxundzwanzig in den Tagen davor ebenso geregnet haben. Die beiden Ritter samt Schlachtrössern und die Kutsche mit den Bischöfen, die damals im Schlamm versunken sind, sucht man angeblich heute noch, und ich habe gehört, dass manchmal um Mitternacht eine schemenhafte Kutsche mit feierlich gekleideten Herrschaften über den Zehrplatz schwebt, die mit hohler Stimme nach einem Lappen fragen, um sich den Schlamm von den Soutanen zu wischen ...

Samstag, 26.06.09

Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp',
zu tauchen auf den Turnierplatz hinab?


Friedrich Schillers Ballade vom Taucher ist zwar hinsichtlich der LaHo anachronistisch, aber von allen nachvollziehbar, die am Samstag Abend den Wassermassen zu trotzen versuchen. Innerhalb kürzester Zeit ist der Turnierplatz ein See, Veit Arnpeck (und alle anderen) einschließlich der Untergewandung triefend nass, die Notizen des Chronisten verwandeln sich in in nasse Lumpen, und die Wittstraße ist plötzlich ein gurgelnder Bach, durch den sich die Autos bis zum Bodenblech im Wasser stehend stauen. Himmel Landshut, Himmel A... und ... ähem ... Gegen Mitternacht bin ich mit meiner Familie endlich zu Hause, wo meine Frau und ich bis ungefähr 3 Uhr morgens Schuhe trocknen, Gewänder föhnen und allgemeine Rettungsarbeiten unternehmen. Am Sonntag soll es ja spätestens mittags wieder weitergehen. Ich bin nass wie eine getaufte Maus - und freue mich schon auf den nächsten Einsatz.



Sonntag, 27.06.09


So sieht er aus, der Herr Veit Arnpeck, wenn er kränzleinbeladen durch die Altstadt zieht! (Bildnachweis: Jürgen Dendl, www.djfoto.de)



Wer die Landshuter Altstadt kennt, weiß, dass man sie in etwa fünfzehn Minuten zu Fuß der Länge nach durchqueren kann, wenn man sich nicht vom verführerischen Angebot eines Straßencafés oder der Schönheit des Ortes an sich einfangen lässt. Am Sonntag Mittag brauchen meine Söhne und ich über eine Stunde. Die Stimmung ist fantastisch, das Wetter versucht, den Schnitzer von gestern wieder wettzumachen, und auf den Tribünen und zwischendrin treffe ich mehr Freunde als sonst in einem ganzen Jahr. Dies ist mein erster Zug als LaHo-Teilnehmer durch die Stadt; und ich gebe zu, es macht süchtig! Auch wenn man danach Blasen an den Fersen hat, weil die Schuhe halt doch nicht ganz trocken geworden sind. Pfeif drauf! Schön is'! Ich bekomme sogar zweimal Buchskranzerl zugeworfen, die ich als Trophäen mit auf den Zehrplatz nehme.

Dort tjosten sich dann die Ritter - der Bayer, der Pole, der Tiroler, der Württemberger, der Brandenburger und der Westerstetter, wobei die Ritter teils mehr Elan aufweisen als ihre Pferde. Ich lasse mich in eine Atmosphäre aus Freundschaft, Feierlichkeit und Fröhlichkeit fallen, wie ich sie so noch selten erlebt habe. Zweitausend Mitwirkende sind entschlossen, das abendliche Lagerleben für alle zu einem wunderbaren Fest zu gestalten.

Außerhalb des Zehrplatzes, in der Altstadt, setzt sich die Fröhlichkeit fort, wenngleich nicht ganz so unbeschwert. Statt feiern ist hier an manchen Stellen auf den Tribünen bilge drinking angesagt, mit den üblichen häßlichen Begleiterscheinungen von zurückgelassenen Scherben und angepöbelten LaHo-Mitwirkenden, die dachten, freudig empfangen zu werden, wenn sie mit ihrem Gewand durch die Stadt flanieren. Ich weiß auch nicht, was man gegen solche Entwicklungen tun kann, aber tun sollte man was!

Manchmal schwappt der Zeitgeist der völligen Rücksichtslosigkeit sogar bis hinter den Zaun des LaHo-Lagers; ich höre von groben Rempeleien in den Kindergruppen und von größeren Kindern, die sich vor die Kleineren stellen, um nur ja die Turniere mit ansehen zu dürfen, und keine Anstalten machen, die Kleinen vorzulassen. Ich fürchte bei aller Begeisterung fürs Mittelalter, dass solches Verhalten eher dem originalen Jahr 1475 entspricht als der heutigen Zeit.

Und was das Bild betrifft - das schwarze Spitzlein im roten Kreis ist meine Kopfbedeckung, darunter ist der Rest von mir (nicht) zu sehen. Das Bild stammt von der BR-online-Homepage. Ich werde mit dem Reiter, der sich so zwischen mich und die Kamera geschoben hat, ein Wörtlein reden müssen.


Zum Schluss des Sonntags noch zwei selbsterlebte Szenen:

Szene 1:

Älterer Besucher: "Gengas amoi her da!"

Veit Arnpeck: "Des hoaßt: Hochwürden, hätten Sie die Güte, sich an den Zaun zu begeben."

Älterer Besucher (verliert das Interesse und wendet sich ab). 


Szene 2:

Besucherin: "Hä Sie, wer san iatz nachha Sie?"

Veit Arnpeck: "Des hoaßt: Hochwürden, darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?"

Besucherin: "Ah so. Und wer san iatz nachha Sie, Hochwürden?"



Juli 2009

Nach zwei Wochenenden ist Halbzeit - schade, dass es nicht noch länger dauert! Der LaHo-Virus hat mich definitiv gepackt, und weder Hitze noch Regenschauer können die Freude auch nur im geringsten dämpfen!

Ich habe es außerdem geschafft, bei Profifotograf Jürgen Dendl noch einen Shooting-Termin zu bekommen. Das Ergebnis können Sie hier sehen: Shooting

Eines der Fotos, die beim Shooting entstanden sind, dürfte mit der Vermutung aufräumen, dass Veit Arnpeck seine Federn und sein Tintenfäßchen nur zur Zierde mit sich herumträgt. Nein, nein! Der wackere Chronist hält vieles fest, unter anderem die Ergebnisse der Ritterturniere ("Westerstetten vs. Brandenburg: 1 : 0") und sitzt dann nächtelang in seiner Schreibstube, um alles ins Reine zu schreiben ...


(Bildnachweis: Jürgen Dendl, www.djfoto.de)

Neben diesem Webtagebuch gibt es übrigens noch den Blog des Reliquienhändlers Stirnstößel Sanktel alias Friedl Ritter, der anders als Hochwürden Arnpeck seinen Unterhalt mit Heiligenknochen verdienen muss und das Leben aus der Kopfsteinpflasterperspektive betrachten muss. Dafür kommt er aber auch rum, der Sanktel, während Hochwürden auf der Fürstentribüne Schweiß und Tinte verströmt. Ich hoffe zuversichtlich, den Sanktel noch zu treffen, bevor die LaHo vorüber ist - meine Kirche könnte dringend ein paar echte Reliquien benötigen. Echten Sand aus der Arena in Rom, von genau der Stelle, wo der Apostel Petrus den Tod fand ... oder einen originalen Ölzweig aus dem Garten Gethsemane ...

Und schon - kaum ist es geschrieben - taucht der Sanktel kurz vor dem Beginn des 3. Festumzugs vor mir auf und überreicht mir ein kleines Fläschchen. Was ist drin? Raten Sie mal ...

... ich bin sooo beeindruckt. Echter Sand von der echten Arena von echt genau der Stelle ... ja, ich bin ein glücklicher Mann. Sanktel, auch wenn Dir der Ölzweig noch logistische Probleme bereitet: Du bist ab sofort mein Reliquienguru. Haben wir übrigens schon von den Barthaaren des Josef von Arimathäa gesprochen, die das Kissen polstern, auf dem der Heilige Gral steht? Also, wenn Du sie angeboten bekommst, ich kenne jemanden, der interessiert wäre ...

Eine der Aufgaben für einen glücklich im Zug mitmarschierenden Chronisten ist es übrigens, die Kränzchen, die ihm zugeworfen werden, aufzufangen (DANKE an alle, die mir die Ehre erwiesen haben, mich zum Ziel eines Kränzchens zu machen, besonders an die holde Werferin im 1. Stock des roten Hauses!). Das verpflichtet jedoch, selbst auch Kränzchen zu werfen - an all die, die man an der Seite stehen oder auf den Tribünen sieht und denen man ein kleines Zeichen der Wertschätzung zukommen lassen will. Das sieht dann so aus:


(Bildnachweis: Jürgen Dendl)

Das sollte eigentlich schon eine Haltungsnote geben ...

Im Übrigen ist das dritte Wochenende schon vorüber. Das ist ungerecht! Ich wollte, ich hätte das erste noch vor mir. Nur noch sieben Tage. Das Leben ist zu kurz, um nur alle vier Jahre Landshuter Hochzeit zu feiern!

Als Autor weiß man manchmal gar nicht, warum man etwas schreibt. Man schreibt es halt, weil man das Gefühl hat, die Geschichte ist gut und möchte erzählt werden. Vor ein paar Jahren schrieb ich die mittelalterliche Krimikomödie IM SCHATTEN DES KLOSTERS, in der es um Reliquienhandel geht. Und gestern Abend habe ich den idealen Leser dafür gefunden und ihm ein Exemplar vermacht - natürlich ist dieser ideale Leser niemand anderer als der Stirnstößel Sanktel, für den der Roman quasi eine Geschichte über seine Kollegen ist. Viel Vergnügen bei der Lektüre, lieber Sanktel; und ich bin immer noch höchst interessant an der ganz besonderen Reliquie, die Du mir gestern zeigen wolltest, was Sturm und Platzregen leider verhindert haben.

Wer mit dem Hochzeitszug durch die Stadt ziehen darf, ist zunächst - das steht außer Frage - ein gesegneter Mensch. Gleich daneben ist er aber auch ein durstiger Mensch, der froh ist, wenn er ab und zu ein paar Anlaufstellen links und rechts des Weges entdeckt, an denen er sein Innerstes befeuchten kann (das Äußere ist schon genügend befeuchtet, wenn die Sonne auf die warmen Gewänder scheint, das dürfen Sie mir glauben). Die Marketenderinnen, die den Zug begleiten, leisten zwar Heldentaten, indem sie mit schweren Krügen hin und her eilen und den Durst der Hochzeiter zu stillen versuchen, aber wenn die nächste Samariterin gerade weit weg ist und das letzte "Hallooo!" sich nur noch spröde von einer trocken gewordenen Zunge gelöst hat ... dann braucht man die guten Menschen entlang des Wegs. In meinem Fall hat der Herr schon mehrfach ein Einsehen gehabt und an den strategischen Stellen Freunde platziert - wie die Familie H., die sogar noch im Vorfeld Getränkebestellungen meiner Söhne entgegennahm. Absolut unübertroffen ist aber die Familie S., deren Platz in der Altstadt schon eine Tradition für sich geworden ist mit Leiterwagerl, Faß und fröhlichem Gebrüll, und das bis jetzt durch alle drei Umzugssonntage hindurch! Freunde, ich bin stolz auf euch! Ihr und alle, die sich genauso freuen, seid die Landshuter Hochzeit. Wir Mitwirkenden sind nur die Kulisse für eure Begeisterung!


Also gut, ich gebe es zu. Ich habe es auch getan. Ein paar Tränen zerdrückt beim Abschlussgottesdienst der Landshuter Hochzeit, meine ich. Die Messe war das Ende und zugleich noch einmal ein Höhepunkt dreier für mich wundervoller Wochen. Die herrliche gotische Martinskirche so voller Menschen zu sehen - und alle davon in historischen Gewändern, so dass jeder Blick in das Kirchenschiff hinein eine fantastische Kulisse zeigte; Bilder, die von abwechselnd zarter und wuchtiger Musik getragen wurden - man darf ruhig behaupten, Zeuge von etwas Besonderem gewesen zu sein, wenn man dabei war. Ganz zuletzt, als schon der Segen gesprochen und Stiftsprobst Bernhard Schömann die Messbesucher verabschiedet hatte, donnerte der Chorleiter der Reisigen ein lautes "Himmel Landshut - Tausend Landshut" - und brach danach in Tränen aus. Da war es dann kurzzeitig auch um Hochwürden Arnpecks Fassung geschehen.

Und so ungern ich es tue: hiermit beschließe ich auch dieses kleine Webtagebuch. Ich trage ohnehin viel mehr Begebenheiten und Anekdoten im Herzen, als ich hier wiedergegeben habe. Wenn man mich fragen würde, was mich von allem am meisten beeindruckt hat, dann würde ich antworten: Die Kameradschaft und Freundschaft zwischen 2000 Menschen auf dem Zehrplatz und während des Umzugs, von denen viele sich zum ersten Mal sahen. Kurzfristig konnte man vergessen, dass zum Zusammenleben der Menschen Neid und Missgunst ebenso gehören wie Großzügigkeit und Freude, und selbst der passionierte und langjährige Störenfried, der seit einer halben Ewigkeit die Landshuter Hochzeiter mit engärschigen (sorry!) Anzeigen wegen Ruhestörung belästigt, kaum dass eine Posaune noch einmal nach Mitternacht erklungen ist, sorgte nur für kurzfristige Verärgerung. Ich habe neue Freundschaften geschlossen und alte erneuert und mich einfach hineinfallen lassen in die Landshuter Hochzeit, und ich habe jeden Tag davon genossen.

Danke an alle, die mitgemacht haben. Danke an alle, die - ob in der Regie oder im Vereinsvorstand - die Landshuter Hochzeit 2009 möglich gemacht haben. Und Danke an Sie alle, die zugesehen und sich jenseits des Zaunes mit uns Mitwirkenden einfach mitgefreut haben, dass wir alle gemeinsam da waren. Danke!

Weil ich noch immer so viele Bilder im Kopf habe, soll dieser Blog auch mit einem Bild enden; nämlich von einem der mindestens hundert Zettel, die Veit Arnpeck für Mitwirkende und Besucher mit der Gänsefeder geschrieben hat, und mit den Dingen, die ich heute beim Ausräumen meiner Gürteltasche gefunden habe.






Fotos

Falls Sie mal sehen wollen, wie Landshut sich während der "Landshuter Hochzeit 1475" ins Mittelalter fallen  lässt, hier der Link zu den anderen Galerien von Jürgen Dendl (erschrecken Sie nicht, wenn ich ab und zu auch dort auftauche): DJ-Foto

 
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